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Letter from Gustav Klimt to Emilie Flöge

Brief von Gustav Klimt an Emilie Flöge
Letter from Gustav Klimt to Emilie Flöge
Gesamtansicht, Vorderseite
Letter from Gustav Klimt to Emilie Flöge
Korrespondenz Gustav Klimt - Emilie Flöge
This is the English text for C. Contact: Reproabteilung.
  • Letter from Gustav Klimt to Emilie Flöge

  • Date18/11/1895
  • Artist Gustav Klimt (1862 Wien – 1918 Wien)
  • Object typeBrief
  • MediumBlack ink on paper
  • Dimensions
    2 Briefblätter je: 17,6 × 22,6 cm
  • Inventory numberLg 1540
  • Location Currently not on display
  • Credit LineDauerleihgabe aus Privatbesitz
  • Transkription

    Ihr Hochwolgeboren | Fräulein | Emilie Nickl[i] | VII. Postamt Zieglergasse | Wien | poste restante

     

    Prag 18. Nov. 1895 |

    Liebe Emilie! |

    Toi, ma gazelle, ma mignonne |

    Toi, plus douce que l´eau du | ciel.

     

    Erst heute Montag komm | ich zum Schreiben. Ein goldnes | zartes Mägdlein durchwandelt | eine mir wolbekannte Strasse | hinaus, es schaut heute gar nicht | nach mir aus, aber es gedenkt | hoffentlich meiner, gedenkt meiner | in Liebe – ein wenig zum mindesten. | Zur selben Zeit schreibe ich diese | Zeilen – einen kurzen Bericht, | keinen glühenden heißen Wonne | und Liebesbrief, wie ihn sich vielleicht | jedes Mägdlein wenigstens einmal zu im | Leben zu erhalten müsste. Fast wäre eine | Geheimschererei nicht nöthig, fast könnte | ihr jedermann lesen, bloß einiger | Worte wegen geht es nicht, aber | ich hätte diese Worte dann doch nicht | weglassen wollen. |

    Eine schlechte Feder, meine liebe Midi | habe ich zur Verfügung, sie ist mir | wohl viel zu zart, sie regt mich | auf, hoffentlich kannst Du das meiste | lesen. |

    Ich darf Dir nicht gar zu viel schreiben | sonst weißt Du vorzeitig mehr wie | die andern und verrätst Dich. Sei | vorsichtig. |

    Herziges schönes Miderl. Wie Du | weißt bin ich Samstag halb elf | abgefahren, zweite Classe, eine | Person und ich im Coupé, mehr wollte ich | nicht - die schönste Gelegenheit für | ein Abenteuer. Ein kleiner runder Judt | und ich waren die ganze Gesellschaft, und | aufrichtig gesagt, wollte ich solches eigentlich | nicht. Der Jude schnarchte allsbald | und schnorchte bis Prag. Auch ich | konnte leidlich schlafen, wenigsten die | erste Hälfte der Nacht, von 4 Uhr an | gings mit dem Schlafen wol gar nicht | mehr aber ich faulenze durch, bis | halb acht Uhr, die Zeit der Ankunft | in Prag. Gegen Ende der Fahrt | hatte ich ein kurzes Gespräch mit dem | nun auch erwachten Juden – er schmauchte | im Ausstiegsgang eine Cigarette – | fragte ihn um ein empfehlenswertes | Hotel, er kennt sich aus in Prag, nannte | mir Hotel Erzherzog Stefan. | Eine Droschke bringt mich dahin. Es | ist ein hübsches Hotel, das Zimmer | schön, Aussicht auf die Gasse, ob theuer | weiß ich noch nicht. Waschen, sich in | Gala werfen, Frühstücken ist bald | vorüber, ich habe mich nicht mehr | niedergelegt, und nun hinaus Prag | angeschaut! Je suis charmé, de cette ville | von | dieser Nacht c´est un tableau rarissant! | Es ist wirklich schön, eines der schönsten Städte- | bilder, welches mir je untergekommen, | obwol ein allzu starker Herbstnebel das | Bild stark beeinträchtige. Des schönen | Bildes wegen allein schon würde ich gewünscht haben Dich | schöne Midi an meiner Seite zu haben | weil ich Deine starke Empfindung für | solche Erscheinungen mit Freude  seit | Langem kenne – nur darfst Du Empfindung[en] | nicht äußern, denn leichtlich wirst | Du sofort verspottet, dem Maler ver- | zeiht mans eher, so wie vieles andere, man | hält sie eben für harmlose stille Narren. | Lass Dich begeistern, erheben, beglücken | dem Alltäglichen entrücken von der urwüchsigen, | erhabenen unfassbaren Mutter Natur, so | auch von ihrer lieblichen Tochter Kunst, | wie´s unter Menschen genannt wird | lass sie mächtig auf Dich wirken, | aber sag´ es nicht allzu laut den Andern, | denn leichtlich hast Du den Spott. – | Doch zurück nach Prag –  sonst komm | ich ab von meinem Bericht und werde | allzulange, der Brief kommt vielleicht | zu spät nach Wien, Du gehst umsonst | aufs´ Postamt, ich fürchte ohnehin, – | ich habe vergessen zu sagen, dass Du den | Brief an Euch zu Hause abwarten sollst, nachdem | ich ihn zugleich aufgebe, müssen sie zu- | gleich in Wien ankommen und Du | hättest durch den einen das beste | Aviso für den Andern – | Ich durchwanderte also die Nacht, hatte | ja noch zwei Stunden Zeit bis zur Sitzung | irrte vielfach in den Strassen, trotz | des Planes, den Prag ist groß, suchte | wol auch am Wege das Palais Clam- | Gallas[ii], fand es auch, zog weiter | über die Karlsbrücke mit seinen Statuen, weiter | zum Hradschin, zur Hofburg, zum | Veitsdom, auf welchen ich mich | schon lange freute – ich war | höchlichst befriedigt. |

    Die Zeit der Sitzung winkte heran – | also kehrt gemacht, in die Lustgasse | 20. Palais Clam-Gallas. Ein | schrecklich düsteres Gebäude. Im II. Stock sind | die Räumlichkeiten der Gesellschaft.[iii] Ich ward | auf das freundlichste begrüßt durch den | Secretär und durch den Präsidenten | der Gesellschaft. |

    Aber O weh´! welche Einläufe! | So sehr mich die Stadt entzückte, so sehr | war hier das Gegentheil. Die | Jury dauerte mich, wir sind | für die Katz´ hier – fühlte ich, wir | – sollten aus Dr[eck], Genießbares | heraussuchen, wie wird das gehen. | Die Jury kam mir in dem Moment | lächerlich vor. Der Präsident der | Gesellschaft dauerte mich. Er ist ein | äußerst lieber feiner Herr, Idealist | durch und durch, leider auch Judenfreund. | Es dauerte mich wofür die Gesellschaft der | er vorsteht, dass die löblichen | Bestrebungen | derselben so schlecht gelohnt werden. | So wenig, wirkliche Kunst eigentlich | keine. Mich interessiert die Sache nimmer | überdies war die Sache furchtbar schwer | von 11 bis zwei Uhr saßen wir | und wichen hin und her, dann eine Erholungs- | jause bis 5 Uhr, dann gings wieder | los bis 7 Uhr. Wir waren | wirklich fertig. Von den zwei er- | sten Preisen keinen vertheilt, nur | zwei Zweite. Ein bekannter von mir | erhielt einen Zweiten. Die Ausführung | wurde vorläufig niemanden übertragen. | Einladung zu einem kleinen Diner seitens | des Präsidenten, Folgeleistung um | halb elf Uhr wieder zu Bette, neuer | Tag. Gut geschlafen bis halb neun. | Heute ist absolut ein trüber Tag mit dichtem | Regen, ich bin nicht aus, sondern schreibe | es ist finster und kalt, die Finger wer- | den mir  steif, ich muss bald schließen es ist | halb eins vorüber, muss noch an Euch und | an meine Mutter ein paar Zeilen schreiben | und dann zum Essen. |

    Liebes süßes Miderl, schöne Mitz noch ein | paar Worte über die Weiber hierorts, es sind | ganz hübsche Mägdleins hier aber Deine Befürchtungen | (ein Natur Selbstdrunk) – selbe werden mich hier behalten längere | Zeit, ist grundlos. Ich habe gar keine Gelegen- | heit mit ihnen in Verkehr zu treten, ich | sehe sie auch nicht, der Zufall bringt | auch nichts – überdies gehe ich gerne, sehr gerne wie- | der nach Wien. Heute will ich mich im böhmischen | Prater vergnügen. Vielleicht kommt mir da | eine schöne Böhmin zu – nicht war Midi? | Hast ja doch keine Angst – oder ja? | Morgen Dienstag fahr ich mit dem schnellsten | Zug wieder heim. Komme aber diesen | Tag nicht zu Euch, es wird zu spät | ich komme Mittwoch. Vormittag seh | ich Dich hoffentlich um halb 10. | Ich freue mich darauf – Du auch? | Sei vorsichtig, Kind und verplausche Dich | nicht, Du weißt nicht mehr als im andern | Briefe steht. |

    Leb wol mein Herz ich küss Dich | innig im Geiste | und freu mich | herzlich Dich wiederzusehen

    | Gustav.

     
    [150 Jahre Gustav Klimt, Ausst. Kat. Belvedere Wien, 2012, S. 284-285]


    [i] Gustav Klimt sandte diesen Brief postlagernd an ein Wiener Postamt und benutzte für Emilie Flöge ein diskretes Pseudonym.

    [ii] 1707 betraute Johann Wenzel von Gallas, der Vizekönig von Neapel, den Architekten Johann Bernhard Fischer von Erlach mit der Planung und der Errichtung eines Stadtsitzes. Das Palais Clam-Gallas in der Husova 20 in Prag diente der Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen als Adresse.

    [iii] Die 1890 gegründete Gesellschaft zur Förderung deutscher Wissenschaft, Kunst und Literatur in Böhmen. Die Mitglieder der Gesellschaft waren die bedeutenden Persönlichkeiten des wissenschaftlichen und kulturellen Lebens der ehemaligen tschechischen Länder, zum Beispiel die Künstler oder Universitätsdozenten der Deutschen Universität in Prag.